Die Angst vor dem weissen Blatt - Woher kommt sie?

Ich habe nachgeforscht und könnte sagen, das ist eine Angst, die jeder in sich trägt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich gleichzeitig auch jeder nach dem weissen Blatt sehnt.

Das weisse Blatt steht für die Zukunft, für alles was noch kommen wird und was wir uns manifestieren. Normalerweise fühlt sich die Zukunft nicht frei an. Wir laufen in bestimmten Bahnen, die wir nicht ohne weiteres verlassen können. Beruf, Familie, Wohnort, Lebensstil suggerieren uns, dass jeder Tag schon vorgeplant ist und wir zu funktionieren haben, wie Zahnräder in einer Mühle. Im Alltag verbringen wir viel Zeit damit uns Sorgen darüber zu machen, ob alles gut gehen wird, mit dem Job, mit der Familie, mit unseren Plänen. Wir schauen in die Vergangenheit und ziehen daraus Schlüsse auf unsere Zukunft.

Ein Beispiel:

Eine Frau geht in einem Malkurs und hat ein grosses, weisses Blatt vor sich worauf sie nun malen möchte. Sie weiss nicht was sie malen will, doch ihr innerer Anspruch sagt ihr, dass sie dieses Bild auf jeden Fall besonders schön machen will. Da spürt sie auf einmal einen Druck in der Magengegend. Der Hals wird etwas enger und Hitze steigt in den Kopf. Sie fühlt sich leicht benebelt und irgendwie unwohl. Ihr gehen verschiedene Dinge durch den Kopf:

  • Das muss schon gut werden, man will ja schliesslich kein Blatt verschwenden.
  • Und was werden die anderen denken, von dem was ich malen werde.
  • Sie fragt sich: werde ich selber mit mir zufrieden sein?
  • Und: Werden die anderen alle viel schöner Malen und ich mich dadurch blamieren?

 

Ein innerer Kampf entsteht und dadurch ein Krampf. Doch wie geschieht das? Aus Gewohnheit werfen wir "wie automatisch" einen Blick in die Vergangenheit und schnappen aus der Erinnerung einen Leistungsanspruch aus unserer Schulzeit auf. Das braucht 1,5 Sekunden und die Vergangenheit hat uns fest im Griff. Wir projizieren die Gefühle von damals auf heute und agieren im jetzigen Moment aus, was wir damals erfahren haben. Das blockiert uns und wir sitzen vor dem weissen Blatt mit einem komischen Gefühlschaos und kommen nicht ins Malen.

Wenn wir mehr im Moment leben und damit unserer Schöpferkraft trauen würden, dann wäre das nicht so. Wir wären frei, so zu agieren wie wir es wollen. Das Schlüsselwort ist "Vertrauen" Wer dem weissen Blatt vertraut, der kümmert sich nicht um seine Gewohnheiten aus der Vergangenheit. Er glaubt nicht dem ganzen Müll von negativen Gedanken, Sorgen, Zweifeln, der sich aus der Vergangenheit zeigt, sondern lebt im Moment und erschafft etwas Neues. In dem wir uns unvoreingenommen auf das Unbekannte einlassen, handeln wir mit Leichtigkeit und Freude. So entsteht Kreativität und so fördern wir unsere Schöpferkraft.

Das tun zu können, ist eine Qualität die haben wir leider verlernt, und deshalb haben Menschen Angst vor dem weissen Blatt und Ängste vor der Zukunft, weil sie nicht im Moment sondern aus dem Schrecken der Vergangenheit heraus leben. Dabei konnten wir es alle! Als Kind hatten wir einen natürlichen Zugang zu dieser lebendigen Kraft in uns.

Erinnere dich mal an deine früheren Jahre als du 3,4,5, Jahre alt warst. Da lag ein weisses Blatt vor dir und du hast dir den nächsten Stift schnappt und voller Freude lustvoll drauflos gemalt. Ganz verbunden mit deiner Schöpferkraft und verbunden mit einem energievollen Glücksgefühl, etwas aus DIR heraus erschaffen zu können. Da war kein Gedanke: Oh, was, wenn das Bild nicht schön wird und ich dadurch nicht genügen werde? Da war nichts davon. Das malen war ganz aus dem Moment heraus und nicht vorbelastet mit Leistungsansprüchen und schlechten Erfahrungen. Du hast ganze Landschaften und Welten erschaffen, mit Tieren, Menschen und Dingen, die vielleicht nur du erkennen konntest. Du bist ganz eingetaucht und erlebtest dadurch eine innige Lebendigkeit, voller Selbstvertrauen und Kraft. Die Welt lag dir zu Füssen und alles was du wolltest, hatte Platz auf deinem weissen Blatt. All das war nichts Besonderes für dich, sondern das Natürlichste von der Welt.

Erinnerst du dich, wie kraftvoll und lustvoll das war, und wie lebendig du dich dabei gefühlt hast?

  • Was wäre wenn du dir diese Welt zurück erobern könntest?
  • Wenn du dich wieder als Schöpfer erleben könntest?

Genau das ist möglich, wenn du dich auf einen Malprozess einlässt. Keiner wird dein Bild kritisieren und du wirst immer mehr lernen es auch sein zu lassen. Du lernst, dir zu vertrauen und deinen ganz eigenen Malausdruck zu finden. Dieses Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit überträgt sich auch auf dein Leben. Wenn wir so malen, dann sind wir besser im Kontakt mit uns selber. Wir holen die schönen und bereichernden Erfahrungen unserer Verbundenheit aus der frühen Kindheit hervor und verbinden sie mit unserem jetzigen Leben. Das wiederentdeckte Gefühl von Vertrauen, Lebendigkeit und Freude am Tun verankert sich in unserem Inneren und strahlt als neue Ressource in unser Leben. Wenn dieser Prozess ins Laufen kommt wirst du auch im Alltag immer mehr deinen eigenen Ausdruck finden. Du wist mehr Energie haben, weil du mehr aus dem Moment heraus entscheidest und nicht den verstaubten Ereignissen aus deiner Vergangenheit glaubst.

Die Angst vor dem weissen Blatt ist die Angst vor dem Neuen. Beim Malen lernst du dich immer wieder dem Neuen zuzuwenden und so immer mehr in diene Kraft und in deinen eigenen Selbstausdruck zu kommen.

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PS: Neu bei Matrix Live - Malen mit dem Serendy-Prinzip. Serendy ist die Abkürzung von Serendipity und heisst frei übersetzt "einen glücklichen Zufall entdecken".

Serendy Malwochenende am 6. /7. Mai in Adliswil

Kommentare   

#2 Anjali Friedli 2017-04-18 23:04
Liebe Elsbeth, ich danke dir für deine ehrlichen Worte. Es freut mich sehr zu lesen, was das Malen dir gegeben hat! Das ist wunderbar :) Ich bewundere Arno Stern und auch seinen Sohn André, denn ich einmal kennen lernen durfte.

Jeder geht seinen eigenen Weg und findet im Unterrichten, Begleiten und Therapieren wie auch im Malen seinen eigenen Ausdruck. Ich habe mich nie darum gekümmert, wie viele andere es gibt, den mich und meine Art, gibt es nur einmal.

Ich habe Serendy nach Jahren der Vorbereitung nun endlich in Leben gerufen, weil die Zeit reif war, weil es sich richtig anfühlt. Ich vertraue darauf, dass die richtigen Menschen, welche ich am besten unterstützen kann, zu mir finden. Und das klappt gut.

Dir wünsche ich von Herzen viel Mut für deinen Weg und gutes Gelingen, wie auch immer er aussehen mag.

Alles liebe aus Adliswil,

Anjali
#1 Elsbeth 2017-04-18 22:00
Hallo Anjali,
heute kam Dein Text zur "Angst vor dem weissen Blatt". Ja, ich erinnere mich gut an den Tag, als ich vor fast 30 Jahren zum ersten Mal in einem Arno Stern - Atelier vor der Palette-Reihe mit den Farben und dem weissen Blatt stand, und nicht wusste, was ich malen sollte. Aus diesem Anfang sind nachher 7 Jahre intensives völlig frei und prozessorientiertes Malen in der Gruppe, und später auch für mich zuhause geworden. Unzählige Erfahrungen habe ich gemacht, und meinen Kern durch dieses Malen wieder gefunden. Hunderte, Tausende von Bildern sind entstanden.
Es mutet mich seltsam an, dies nun bei Dir mit einem neuen Namen angeboten zu finden, und berührt einen Schmerz, was aus all meinen vielen Bildern werden könnte. Im Gegensatz zu Dir bin ich nicht bewandert in Computer-Technik und Marketing....
Damals gab es in Zürich viel zu viele Therapeutinnen, die das anboten.
Vielleicht hast Du heute mehr Glück...
Herzliche Grüsse
Elsbeth G

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